Glauben Sie mir

Glauben Sie mir, ich bedauere es unendlich, Ihnen schon wieder mit Klagen lästig fallen zu müssen, weil ich Ihr gutes Herz kenne und weiß, dass Sie keinen Menschen leiden sehen können, ohne auf das tiefste davon gerührt zu werden. Aber was kann ich dagegen tun? Ich muss entweder mein schwerbeladenes herz erleichtern und Ihnen all meinen Kummer berichten oder in der unsäglichen Trauer versinken, die mich jetzt infolge der unerklärlichen Art und Weise in der Sie mich vernachlässigen, ergreift. Es sind nun zehn lange Wochen her, dass ich Sie nicht gesehen habe und in dieser ganzen Zeit habe ich nur einen Brief von Ihnen erhalten und ein kleines Billett mit einer Entschuldigung. Oh, haben Sie nichts vergessen? Sie versuchen es, mich durch Härte von Ihnen fortzutreiben. Ich kann Ihnen deswegen keine Vorwürfe machen; denn trotz meiner tiefen Betrübnis und meiner großen Verwirrung weiß ich doch, dass ich es war, die Ihnen die Veranlassung zu peinlichen Betrachtungen gab. Ich kann Ihnen jedoch nicht helfen, sondern kann Ihnen hier, an dieser Stelle, nur erklären, dass keine Bemühung, keine Zeit, kein zu fälliges Ereignis je imstande sein wird, die unaussprechliche Leidenschaft, die ich für Sie empfinde, abzuschwächen. Wenden Sie den äußersten Zwang gegen meine Leidenschaft an, schicken Sie mich so weit von Ihnen fort, wie es die Erde erlauben will: dennoch werden Sie nie jene bezaubernden Vorstellungen verbannen können, die mir stets treu bleiben werden, solange ich die Fähigkeit zur Erinnerung besitze. Auch beschränkt sich die Liebe, die ich zu Ihnen hege, nicht einzig und allein auf meine Seele; es gibt vielmehr kein Atom in meinem Körper, das nicht durchtränkt von ihr wäre. Schmeicheln Sie sich daher nicht mit der trügerischen Hoffnung, dass eine Trennung je meine Gesinnungen ändern könnte; denn ich spüre selbst inmitten des tiefsten Schweigens eine tödliche Unruhe in mir, und mein Herz wird zugleich von Kummer und Liebe zerfleischt. Sagen Sie mir um Gottes Barmherzigkeit willen, was diese rätselhafte Veränderung die ich seit Kurzem an Ihnen bemerke, veranlasst hat. Wenn Sie noch den geringsten Rest von Mitleid für mich übrig haben, so sagen Sie es mir mit schonenden Worten. Nein – sagen Sie es mir nicht so, denn dies könnte auf der Stelle mein Tod sein. Und lassen Sie mich nicht länger ein Leben führen, das einem langsamen Tode gleicht und das das einzige Leben ist, das ich führen kann, falls Sie irgend etwas vor Ihrer zärtlichen Liebe zu mir verloren haben.

Esther Vanhomrigh an Jonathan Swift

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